Entstehung

Der gesetzlich verankerte Gleichheitsgrundsatz (Art.3 GG) garantiert zwar formal die Gleichberechtigung aller Menschen, in den bestehenden Verhältnissen in Politik, Kultur und Arbeitswelt ist dieser allerdings noch nicht verwirklicht. Strukturelle Benachteiligungen für Frauen und Mädchen existieren weiterhin in der Familie, der Bildung, Ausbildung und Erwerbsarbeit sowie in der politisch-gesellschaftlichen Teilhabe, im Lohn- und Versicherungssystem, im Steuer- und Rentenrecht.
In den 70er Jahren entwickelte sich aus der Frauenbewegung die feministische Mädchenarbeit, die präventiv in den Prozess der Aneignung von Rollenbildern und Rollenausgestaltungen eingreifen will.

Ein Mädchen – fast so gut wie ein Junge?

Forschungsarbeiten zur Sozialisation machten deutlich, dass Mädchen von klein an mit geschlechtsstereotypen Erwartungen konfrontiert werden. Viele dieser Erwartungen sind sehr widersprüchlich; sie stimmen oft nicht mit den Bedürfnissen von Mädchen überein und führen zu Konflikten. Mädchen lernen u.a. Rücksicht auf andere zu nehmen und sich einzuschränken; fordernde oder selbstbewusstseinsfördernde Seiten können sie nur teilweise ausleben. Sehr früh wird ihnen die Überbewertung des „Männlichen“ mit Aussagen wie: „an dir ist ein echter Junge verloren gegangen!“ vermittelt. Weibliche Stärken und Fähigkeiten werden dadurch abgewertet.

Mädchen in der Jugendhilfe

Der 6. Jugendbericht der Bundesregierung 1984 zur „Verbesserung der Chancengleichheit von Mädchen“ stellt fest, dass Jugendhilfe die gesellschaftlichen Benachteiligungen von Mädchen fortsetzt, statt ihnen sinnvoll entgegenzuwirken. Jugendhilfe hat in Zielsetzungen, Inhalten und Strukturen ihrer Angebote die Zielgruppe Mädchen weitestgehend unbeachtet gelassen. Fachfrauen enttarnten Jugendarbeit als Jungenarbeit.

Koedukationskritik

Die Einführung der Koedukation wurde hart erkämpft. Sie hat jedoch ihr Versprechen, Chancengleichheit zu schaffen, für Mädchen nie eingelöst und auf Jungen bis heute nicht bezogen. Es wurde nie gefordert, dass Jungen die Chance erhalten, Fähigkeiten zu entfalten wie z.B. die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen, Gefühle zu zeigen, Ordnung oder Gemütlichkeit zu schaffen. Auch Jungen wird damit die Möglichkeit zur Entwicklung einer ganzheitlichen Persönlichkeit beschnitten.
Mädchenarbeit will die Koedukation nicht abschaffen. Mädchen sollen aber darüber hinaus Freiräume in geschlechtshomogenen Gruppen erhalten, um eine selbstbestimmte Geschlechtsidentität entwickeln zu können.

Entwicklung der Mädchenarbeit

Aus der Erkenntnis ihrer gesellschaftlichen Benachteiligung wurden Mädchen als besondere „Problemgruppe“ der Jugendhilfe angesehen. Pädagogisches Handeln orientierte sich zunächst stark an den vermeintlichen „Defiziten“ von Mädchen.
Feministische Pädagoginnen verfolgten später eher den differenzorientierten Ansatz, der die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von Mädchen und Jungen berücksichtigt und an den Stärken und Fähigkeiten von Mädchen ansetzt. Mittlerweile gibt es viele, teilweise sehr gegensätzliche theoretische Ansätze, da ist von Identitätszwang, Geschlecht als Konstruktion und anderem die Rede. Doch gerade die Vielfalt der Ansätze und ein produktives Nebeneinander gewährleisten in den Mädchenarbeit, dass der Unterschiedlichkeit und Vielfalt Rechnung getragen werden kann.